Geschichten, die die Welt verändern

Kaffeeklatsch

 

Irmgard, Else und Gertrud haben sich zu ihrem allwöchentlichen Kaffeeplausch zusammen gesetzt.

Es gibt Kaffee und selbstgebackenen Kuchen, denn Irmgard ist eine begnadete Bäckerin.
Zusammen hocken sie unter der schönen Linde von wo aus sie die ganze Straße überblicken können.
Man muss ja was zu sehen bekommen.
Man muss ja wissen, was so los ist.

In ihrem Alter ist man froh, wenn man sitzen kann und trotzdem alles mitbekommt.

Still beobachten die 3 Freundinnen das Haus auf der anderen Straßenseite. Dabei rühren sie bedächtig den Zucker in ihre hübschen Tässchen. Ausser dem Rühren, Klirren und Schlürfen ist sonst nichts zu hören.

Bis auf einmal Trommeln zu hören sind vom Nachbarhaus.

Irmgard zeigt auf das Haus und sagt ganz aufgeregt: „So! Genau das mein ich. Davon hatte ich euch erzählt. Das muss ich mir hier antun! So ein Krach! Das ist doch ne Sekte da drüben. Und wie die rumlaufen. Mit den Haaren und der Hippieklamotten!“

Else muss sich ein Grinsen verkneifen und trinkt schnell einen Schluck Kaffee .
Gertrud schüttelt mit dem Kopf „Die haben auch ganz schön viele Kinder!“
Else stellt die Tasse klirrend auf den Tisch.
“ Viele Kinder? Wir waren damals viele.“ Entgegnet sie den beiden,“ Ich habe 8 Geschwister, dort drüben sind es 4 Kinder. Und ich finde sie nett. Wisst ihr noch, wie das Haus vorher aussah, bevor sie eingezogen sind? Die Mode find ich zwar nicht so chic und ich würd mir die Haare nicht verfilzen, aber ich war bereits bei ihr.“

Die beiden anderen Damen schauen sie entgeistert an. “ Da guckt ihr, was?“ Sagt sie ein wenig belustigt und genießt den Anblick ihrer Freundinnen,die aussehen, als würden sie gleich in Ohnmacht fallen. Sie holt tief Luft und es platzt aus ihr heraus: „Übrigens fahre ich immer noch gern Motorrad mit, ich habe euch nur nichts gesagt, weil ihr das mit Michael noch nicht verkraftet habt, als er seinen Unfall hatte! Und letztes Jahr, war ich mit meinem Enkel auf Wacken!“
War das zu viel für ihre Freundinnen? Besorgt schaut sie die beiden an, denn obwohl sie es nicht vorstellen hätte können, sind ihre beiden Freundinnen noch blasser geworden. Schnell fügt sie hinzu:“ Ihr wisst doch, dass ich oft traurig war und es mir nicht gut ging. Meine Schmerzen haben mir wirklich zugesetzt. Seit ich zu der Frau dort drüben gehe,“ und sie zeigt mit dem Löffel auf das besagte Haus mit den Trommelgeräuschen, “ finde ich immer mehr in meine alte Kraft zurück.“
Die beiden anderen Frauen bekommen wieder Farbe ins Gesicht. “ Was hat sie denn mit dir gemacht?“ fragt Irmgard nun doch sehr neugierig.
“ Wir haben viel geredet.
-Nein, eigentlich habe ich geredet und sie, sie hat mir zugehört und nur zwischendurch Fragen gestellt. Aber keine neugierigen Fragen, tolle Fragen, die mir wirklich geholfen haben. Dadurch ist mir dann einiges eingefallen, was ich vergessen hatte . Nämlich dass das Leben Spaß machen kann und teilweise sehe ich nun einiges Anders. Sie hat es geschafft, dass ich den Mut habe, wieder zu machen, wozu ich Lust hab. Und tolle Übungen haben wir auch gemacht.“
Schnell nippt sie am Kaffee und beobachtet ihre Freundinnen über den Tassenrand hinweg.
“ Was waren das denn für Übungen? Und wann warst du denn bei ihr? Ich hätt dich doch sehen müssen! “ fragt Irmgard entgeistert. „Ich weiß, dass du das Haus beobachtest, sie hat mir angeboten, durch den Garten zu gehen. Damit du mich nicht siehst.“ Die Frauen schauen beschämt in ihre Tassen.
„Jeden Mittwoch Abend, ist offener Abend, dann, wenn so viele Autos dort stehen. Es ist toll. Manchmal liegen wir auf ner Liege und werden berührt. Von mehreren Menschen gleichzeitig. Nichts sexuelles, wir sind alle bekleidet und man wird nicht unsittlich angefasst. Es ist schön! Deshalb geh ich auch nicht mehr so oft zum Doc. Mir ist klar geworden, dass ich einsam war, und das Abtasten vom Arzt die einzige Berührung war in meinem Leben. Und die Frau da drüben, sie hat mich vor nem Jahr im Supermarkt am Arm gestreichelt, weil sie mich leicht angerempelt hatte. Ihre Hände waren so heiß und die Berührung war wundervoll. Ich sprach sie darauf an, und sie lud mich ein. “ lächelt sie glücklich und beobachtet, wie es in den Köpfen ihrer Freundinnen rattert.

Gemeinsam schauen sie schweigend auf das Nachbarhaus, aus dem rhytmische Trommelgeräusche erklingen, und schlürfen ihren Kaffee…

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